„Der Bewerbungs-Code“: Was eine Stellenanzeige zwischen den Zeilen verrät.

Viele von euch kommen mit einem Unternehmen erstmals über eine Stellenanzeige in Kontakt. Darin finden sie die obligatorischen Angaben über das Unternehmen, die ausgeschriebene Position und die notwendigen und gewünschten Anforderungen an den Bewerber / die Bewerberin. Doch oftmals verraten scheinbar harmlose Formulierungen in einer Stellenanzeige mehr über das Unternehmen, als die Personalverantwortlichen eigentlich Preis geben möchten. Wie ihr als Bewerbende diesen Code entschlüsseln könnt und somit bereits in der Stellenanzeige einen tieferen Einblick in das Unternehmen erhaltet, verraten wir euch in unserer 2-teiligen Reihe: „Der Bewerbungs-Code“.

Das sagt das Unternehmen über sich

„Wir sind ein junges, dynamisches und innovatives Start-up […]. Du arbeitest in einem jungen Team und hast durch flache Hierarchien schnelle Möglichkeiten, Dich weiterzuentwickeln […].“ Solche und ähnliche Formulierungen sind in vielen Stellenanzeigen zu lesen. Der Zweck ist klar: Die Personalverantwortlichen laden das Unternehmen mit positiven Werten auf, wie etwa Modernität, Flexibilität, Innovationsfähigkeit.

Allerdings verbirgt sich hinter diesen floskelhaften Beschreibungen ein versteckter Code, der den Bewerber:innen verrät, wie es in einem Unternehmen wirklich zugeht. „Eines vorweg: Der Bewerbungs-Code ist selbstverständlich nicht allgemeingültig. Es sind Interpretationen, die sich aber durch eine Vielzahl von Beispielen aus der Praxis belegen lassen“, schränkt Hochschulprofessor. Dr. Wolfgang Jäger – einer der Gründungsinitiatoren und ehemaliger JobStairs-Sprecher ein. „Allerdings können gewisse Formulierungen den Bewerbenden für ein mögliches Vorstellungsgespräch sensibilisieren“, so Prof. Jäger weiter.

Typische Floskeln in der Selbstbeschreibung und was sie bedeuten

Die Beschreibung eines Unternehmens in der Stellenanzeige kann dazu beitragen, Bewerbenden einen tieferen Einblick in den Arbeitsalltag und die Unternehmenskultur des potenziellen neuen Arbeitgebenden zu gewähren. Diese Floskeln sind in vielen Stellenanzeigen zu finden.

  • Ein „gutes Betriebsklima“
    Alles andere als ein gutes Betriebsklima wäre ein guter Grund, sich nicht bei einem Unternehmen zu bewerben. Dennoch taucht diese Selbstverständlichkeit immer wieder in Stellenanzeigen auf. Personaler:innen sprechen hierbei von „Hygienefaktoren“. Bei übermäßiger Betonung von Hygienefaktoren sollten Bewerber:innen aufmerken, denn es könnte auch bedeuten: Wie schön Regen sein kann, wird erst klar, wenn es hagelt.

  • Die „eingespielte Mannschaft“
    Die langjährige Zusammenarbeit unter Kolleg:innen kann bei diesen zu einer hohen Erwartungshaltung gegenüber Neuankömmlingen führen. Es kommt vor, dass der oder die Neue ein Ebenbild seines/ihres Vorgängers zu sein hat. Wer diesen Wunsch nicht erfüllen möchte oder kann, wird mehr um Anerkennung kämpfen müssen.

  • Die „flachen Hierarchien“
    Mitarbeitende werden bei flachen Entscheidungsstrukturen bereits früh in Entscheidungsprozesse eingebunden. Das ist schon mal gut. Aber nur für all diejenigen, die Entscheidungen treffen und zu dmöglichen Konsequenzen stehen wollen. Zugleich bedeuten flache Hierarchien auch, dass die „klassische“ Karriereleiter in solchen Unternehmen nur recht wenige Sprossen hat.

  • Das „dynamische Unternehmen“
    Dynamik bedeutet Wachstum und Veränderung. In der Realität kann (zu) schnelles Wachstum dazu führen, dass das Unternehmehen mit dem Ausbau der Strukturen nicht hinterherkommt. Wer in dynamischen Unternehmen anfängt, sollte selber bereit für Veränderungen und permanentes Dazulernen sein.

  • Das „junge Team“
    Personalverantwortliche, die vor allem junge Mitarbeiter:innen einstellen, wollen möglicherweise Menschen, die sie nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen formen können. Ältere Menschen hingegen lassen sich schwerer in eine bestimmte Richtung entwickeln. Es kann aber auch sein, dass diese Unternehmen nur Sprungbrettfunktion haben: Niemand hält es dort lange aus und die Gehälter liegen unter dem Durchschnitt.

  • Die „Entwicklungsmöglichkeiten“
    Wer sich entwickeln möchte, braucht Raum, um sich auszudehnen. Das setzt voraus, dass immer wieder Platz für die Entwicklung von Mitarbeitern geschaffen wird. Eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter schafft solche Freiräume. In einem solchen Unternehmen können Mitarbeiter schnell aufsteigen. Das Risiko des Scheiterns ist allerdings genauso groß.

  • Das „innovative Unternehmen“
    Unternehmen, die ständig Neuerungen auf den Markt werfen, benötigen dafür Mitarbeitende, die Ideen produzieren und iterativ arbeiten können. Hierbei hilft es, gut im Troubleshooting zu sein, denn wo viel gehobelt wird, fallen auch reichlich Späne.

  • Das „Traditionsunternehmen“
    Tradition steht für Verlässlichkeit, Seniorität und Kontinuität. Diese Werte können aber auch bedeuten: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Neue Mitarbeitende müssen sich in diese Strukturen einfügen wollen und können. Wer in einem sehr konservativen Unternehmen rasche Änderungen herbeiführen möchte, muss damit rechnen, dass Veränderungsprozesse möglicherweise langwierig sind und viele Hierarschiestufen in Entscheidungen involviert werden wollen.

  • Das „überschaubare Team“
    Das Arbeiten in „überschaubaren Teams“ fordert in der Regel gute Allrounderqualitäten, denn Neue übernimmen in der Regel eine breite Aufgabenpalette. Die Kehrseite der Medaille ist, dass der Anspruch an die wenigen Mitarbeiter:innen auch extrem hoch sein kann. Trotz des „überschaubaren Teams“ muss das Unternehmen wie geschmiert funktionieren.

  • Die „Weiterbildungsmöglichkeiten“
    Jede Führungskraft wünscht sich, dass seine Mitarbeitenden in ihrem Berufsumfeld stets auf dem neuesten Stand sind, und legt daher großen Wert auf die Weiterbildung. Bewerber:innen sollten sich bereits im Bewerbungsgespräch erkundigen, welche Weiterbildungsmöglichkeiten im Unternehmen bestehen, ob die Weiterbildung innerhalb oder außerhalb der Arbeitszeit stattfindet und wieviel Budget zur Verfügung steht.

Dies sind nur einige der in Stellenanzeigen verwendeten Floskeln, mit denen sich Unternehmen selber beschreiben. Lest in Teil 2 unserer Reihe  „Der Bewerbungs-Code Teil 2“: Stellenanzeigen richtig lesen, welche „geheimen Ansprüche